Meyer Werft: Vor 40 Jahren hat eine neue Ära begonnen

Es war der Be­ginn ei­ner neuen Ära, als vor 40 Jah­ren, am 6. Mai 1986, die Meyer Werft die Ho­me­ric an die Ree­de­rei Home Li­nes über­ge­ben hat. Es war das erste Kreuz­fahrt­schiff der Pa­pen­bur­ger Werft, bis heute folg­ten mehr als 60 Kreuz­fahrt­schiffe.

Trotz gro­ßer Her­aus­for­de­run­gen ge­lang der Meyer Werft mit der Ho­me­ric nicht nur der Ein­stieg in den Markt der Kreuz­fahrt­schiffe, über Jahr­zehnte präg­ten fortan die Schiffe aus Pa­pen­burg das ganze Bild ei­ner Bran­che.

Ho­me­ric S.610 beim Stapellauf(c) Meyer Werft

Bis zur Ho­me­ric war die Werft vor al­lem für ihre Fäh­ren und Gas­tan­ker be­kannt. Mit dem Auf­trag für das Kreuz­fahrt­schiff wurde Neu­land be­tre­ten. Die da­mals rund 1.200 Mit­ar­bei­ter soll­ten in zwei Jah­ren ein Schiff bauen, das zwi­schen New York und Ber­muda pen­deln sollte. Im April 1984 wurde der Auf­trag be­kannt­ge­ge­ben.

Wolf­gang Nee, Mit­ar­bei­ter der Buch­hal­tung, hatte 1985 ge­mein­sam mit sei­ner Kol­le­gin Pe­tra Kop­pers die Aus­bil­dung be­gon­nen. Er er­in­nert sich zu­rück, dass in­tern, aber auch in Pa­pen­burg und Um­ge­bung viele von ei­nem Wag­nis und von ei­nem Ri­siko ge­spro­chen ha­ben. Viele ha­ben auch pro­gnos­ti­ziert, dass dies zu ei­ner Ein­tags­fliege und die Meyer Werft sich da eine blu­tige Nase ho­len werde. S.610, so die fir­men­in­terne Bau­num­mer, ent­stand da­mals un­ter freiem Him­mel.

Ho­me­ric S.610 beim Stapellauf(c) Meyer Werft

Im Win­ter hatte es mi­nus 20 Grad, im Som­mer hatte es im Dop­pel­bo­den über 50 Grad, was ex­trem war, weiß Schwei­ßer Theo­dor Platt. Aber nicht nur das Wet­ter stellte die Werft-Mit­ar­bei­ter vor Her­aus­for­de­run­gen. So er­zählt Joa­chim Go­sling, der da­mals in der Bord­mon­tage tä­tig war, dass er Schweiß­elek­tro­den ho­len sollte und er sich da­bei auf dem Schiff glatt ver­lau­fen habe. Er ist, wie noch et­li­che an­dere Mit­ar­bei­ten­den der Meyer Werft, heute noch auf der Werft tä­tig.

Am 28. Sep­tem­ber 1985 er­folgte der spek­ta­ku­läre Sta­pel­lauf der Ho­me­ric. Pe­tra Kop­pers aus der Buch­hal­tung er­in­nert sich daran, dass das so­zu­sa­gen eine Pflicht­ver­an­stal­tung für alle Pa­pen­bur­ger war. Man ging dort hin, es war ja auch eine Sen­sa­tion. Ge­rade bei die­sem gro­ßen Schiff ha­ben sich auch viele ge­fragt, ob das wohl gut geht. Und es ging gut, das Schiff ist quer vom Sta­pel ge­lau­fen und ins Was­ser ge­rutscht. Theo­dor Platt er­in­nert sich, dass dann die Welle ge­kom­men ist, auf die an­dere Seite auf das Land ge­schwappt, das Was­ser ist ab­ge­lau­fen und zwi­schen den Bäu­men und Stei­nen sind die Fi­sche lie­gen ge­blie­ben, die die die Kin­der dann auf­ge­sam­melt ha­ben. Das war ein Er­eig­nis für die Kin­der, ohne An­gel Fi­sche zu fan­gen.

Ma­rella Dream, ehe­mals Ho­me­ric (c) Wi­ki­me­dia /​ Dick­el­bers

Die Ge­schichte der Ho­me­ric bot noch wei­te­ren Stoff für die Ge­schichts­bü­cher. Zur von der Ree­de­rei ge­for­der­ten Pro­be­fahrt geht es über die Ems hin und zu­rück. Am 6. Mai 1986 schließ­lich er­folgt die pünkt­li­che Ab­lie­fe­rung an die Ree­de­rei und das Schiff geht in den Dienst zwi­schen New York und Ber­muda. Nur zwei Jahre spä­ter kehrt sie dann über die Ems nach Pa­pen­burg zur Meyer Werft zu­rück. Die Ree­de­rei möchte das Schiff ver­län­gern las­sen. Ge­sagt, ge­tan. 40 Me­ter wird die Ho­me­ric ver­län­gert.

„Das war eine fan­tas­ti­sche Auf­gabe. Wir sind na­tür­lich auf die Wün­sche des Kun­den ein­ge­gan­gen. Und was ganz wich­tig war, die De­mons­tra­tion, dass wir die­sen Um­bau, also Schiff­schnei­den, 40 Me­ter da­zwi­schen bauen und das Ganze noch vier Tage vor dem Ter­min ab­zu­lie­fern, schaf­fen. Das war auch wie­der ein Er­folgs­er­leb­nis, auch ein Si­gnal für die gan­zen an­de­ren Kun­den, die se­hen konn­ten, dass wir mit sol­chen Pro­ble­men fer­tig wer­den konn­ten.“

Jo­chen Zer­r­ahn, da­mals Lei­ter der Pro­duk­tion auf der Meyer Werft

Die Werft ver­buchte das ge­won­nene Know-how, das Wis­sen um die ei­ge­nen Stär­ken und die po­si­ti­ven, aber auch ne­ga­ti­ven Er­fah­run­gen aus dem Bau als Ge­winn, der sie an die Spitze der Kreuz­fahrt­schiff­bauer führte.

„Das ist ja auch, was bei un­se­ren Be­stands­kun­den ge­schätzt wird, aber auch bei Neu­kun­den ja im­mer wie­der ein Ar­gu­ment mit ist, hier in Deutsch­land bei der Meyer Werft ein Kreuz­fahrt­schiff zu be­stel­len. Wert­hal­tige Ar­beit, Qua­li­tät und Zu­ver­läs­sig­keit. Na­tür­lich, wir ha­ben in den letz­ten Jah­ren Schwie­rig­kei­ten ge­habt, ohne Frage, die auch alle ihre Gründe hat­ten. Aber ich denke, auch da wer­den wir mit ver­ein­ter Kraft ge­stärkt dar­aus her­vor­ge­hen und auch in den nächs­ten 30, 40 Jah­ren wei­ter­hin Kreuz­fahrt­schiffe hier bauen.“

Wolf­gang Nee, Mit­ar­bei­ter der Buch­hal­tung

Die Er­in­ne­run­gen an das Schiff sind bei vie­len äl­te­ren Mit­ar­bei­ten­den noch le­ben­dig. Die Ho­me­ric war bis zur Aus­mus­te­rung 2020 auf den Welt­mee­ren un­ter­wegs, zu­letzt un­ter dem Na­men Ma­rella Dream. Im Som­mer 2022 schließ­lich ging sie auf ihre letzte Reise zum Ab­wra­cken in die Tür­kei. Vor der Ver­wal­tung der Meyer Werft er­in­nert heute ein Lam­pen­mast an das erste Kreuz­fahrt­schiff der Werft.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN